Das Hollandrad – niederländische Originale & Exportmodelle

Im deutschsprachigen Raum verbinden viele mit dem Begriff „Hollandrad“ eine ganz bestimmte Vorstellung. In den Niederlanden hingegen ist dieser Begriff fast unbekannt. Hier spricht man schlicht vom fiets (Rad). Altholländische Tourenräder wie das Tour Populair von Gazelle werden allgemein „Omafiets“ oder „Opafiets“ genannt.

gazelle Hollandrad No 1
Gazelle Hollandrad No. 1

 

Ihr Design scheint noch aus der guten alten Zeit zu stammen. Noch heute werden die Originale häufig nach jahrzehntelangem Gebrauch als Erbstücke im Freundes- oder Familienkreis weitergereicht. Bei uns firmieren „Omafietsen“ häufig unter „Nostalgie Hollandrad“, vor allem einfachere Räder. Erstaunlich ist, dass das „Hollandrad“ seiner Erscheinung nach streng genommen gar keine niederländische Erfindung ist.

Eher ist es ein präfernöstlicher Fall von Produktpiraterie. Ende des 19. Jhs. dienten Bicycles aus dem Mutterland der Industrialisierung Großbritannien als Vorbild. Britische Industrienormen, Teile (Sturmey & Archer; Brooks) und das klassische Erscheinungsbild verweisen auf die Ursprünge, bezeugen aber auch eine fruchtbare Partnerschaft. Noch heute haben praktisch alle klassischen Omafietsen (Tourenräder) die englische Laufradgrößen (28 x 1 1/2). In Holland werden sie aber immer seltener.

Wenn man einen niederländischen Fahrradladen betritt, belegen Omafietsen allerdings nur wenig Raum im „Fietswinkel“. Der NL Fahrradmarkt wird zunehmend von modernen (Holland-)Rädern dominiert. Vorherrschend sind leichtere Alu-Rahmen mit moderner Technik. Traditionelle Zutaten – wie geschlossene Kettenkästen oder Jacken bzw. Mantelschoner („jasbeschermers“) – spielen aber weiterhin eine Rolle. Stadträder ohne Kettenkästen sind praktisch unverkäuflich, während man in Deutschland in diesem Feld Überzeugungsarbeit für einen Kettenkasten leisten muss.

In den Großstädten sind einfache Fahrräder mit „Singlespeed“ und Rücktritt allerdings nie aus der Mode gekommen. Tausende Omafietsen prägen das Stadtbild. Vor allem Jugendliche haben es wiederentdeckt. Neben schwarzen Klassikern sorgen bobonfarbige Räder für Abwechslung. Abgesehen von Omafietsen sind Stadträder oder „Hybride“ Fahrräder sehr gängig.  Nabenschaltungen mit sieben oder acht Gängen und Trommel- oder Rollenbremsen beherrschen das Bild. Freilauf ist Standard.


Ein Unterscheidungsmerkmal, ob man es mit einem NL Original oder einem Exportmodell zu tun hat, ist folglich bei Rädern mit Gangschaltungen der Rücktritt. Gazelle hat für den wichtigen deutschen Markt eigene Modelle entwickelt, die dem „deutschen Geschmack“ entsprechen. Stadträder und Omafietsen werden nur mit Gangschaltung und als so genannte „Rücktrittmodelle“ vertrieben.

Auch moderne Werkstoffe wie Carbon und Titan sind gefragt und finden sich in den aktuellen Kollektion der Hersteller wieder. Niederländer geben für ein neues Rad grundsätzlich etwa doppelt so viel aus als Deutsche. Auch Alltagsräder für 1.500,– EUR und mehr, sind keine Besonderheit. Warum auch, wenn man jeden Tag damit unterwegs ist. Deutsche geben dagegen lieber mehr Geld für Ihre Freizeiträder aus, auch wenn diese selten gefahren werden. Hierzulande ist man eher geneigt, soviel wie für ein Fahrrad monatlich in ein großes Auto zu investieren. Die Zeiten ändern sich aber gerade…

2 Comments

  1. Neil

    interesante Geschichte!
    Die Bezeichnung „Oma“ in Verbindung mit dem schönen alten schwarzen Rad passt nicht richtig in meiner Wahrnehmung. Für mich gehören sie zu den modernen westeuropäischen Städten als praktische und ästethische Verkehrsmittel. Sie sind zeitlos und gehören zum europäischen Raumkonzept. Obwohl „Omafietsen“ in Holland eine besondere Bedeutung hat, wäre eine andere Bezeichnung anderswo besser, meiner Meinung nach. Junge Leute in Deutschland wollen meistens nicht das machen was die Oma gemacht hat und verpassen dadurch die Chance so ein schwarzen Fietse zu besitzen.
    Leide ist mein Rücktritt Fietse keinen „richtigen“ Hollandrad sondern ein export-Modell, aber trotzdem super bequem.

  2. Herbert

    Schöne Website mit guten Texten! Eine kleine sprachliche Korrektur du diesem Artikel: die Mantelschoner heißen nicht „jasperscherms“ sondern „jasbeschermers“, also wörtlich Jackenschützer oder eben Mantelschoner.

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